Von der Meisterschaft, man selbst zu sein
Der Begriff „Erwachstum“ ist mein Versuch, die Art des wünschenswerten „Erwachsenseins“ zu umreißen, das mindestens schwer, womöglich nie ganz zu erreichen ist; das Idealbild, dem die Menschen nacheifern, die ich mit „Erwachsende“ meine; die letzte Stufe der womöglich nie abgeschlossenen eigenen Entwicklung, streng zu unterscheiden von einem Erwachsensein, das durch simples Älterwerden und die unreflektierte Kollision mit zufälligen Lebensereignissen erreicht wird.
Die beste Metapher, die mir eingefallen ist, um das Konzept zu illustrieren, entstammt der Welt der Kampfkunst:
Traditionelle Kampfkünste wie Karate, Judo oder Tae-Kwon-Do unterscheiden Schüler- und Meistergrade. In den meisten asiatischen Kampfkünsten wird das Erreichen von Meisterschaft mit der Verleihung eines schwarzen Gürtels belohnt. Er ist der große Meilenstein, auf den jeder Kampfkünstler hinarbeitet.
Mit dem schwarzen Gürtel werden diejenigen ausgezeichnet, die nach vielen Jahren des Kampfkunst-Trainings ein hohes Maß an Meisterschaft, an praktischer Erfahrung und Gesamtverständnis für ihren Sport erreicht haben. Ihre Meisterschaft besteht insbesondere darin, dass sie die fundamentalen Grundlagen ihrer Disziplin verinnerlicht haben, sie zuverlässig abrufen und auch auf unbekannte Situationen anwenden können.
Sie haben auf diesem Weg immer wieder Herausforderungen bewältigen und sich bewähren müssen, haben ihr Wissen weitergegeben, wurden in ihre Schranken verwiesen und bekamen ihre Grenzen aufgezeigt, nur um sie mit Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen zu überwinden.
Und doch weiß jeder Kampfkünstler oder -sportler, dass mit Erreichen des Meistergrades die eigentliche Reise gerade erst begonnen hat. In vielerlei Hinsicht hat man nun erst die nötige Kompetenz erlangt, um einschätzen zu können, wie gut man tatsächlich ist, wie viel man bereits gelernt hat und wie viel mehr es trotzdem noch zu lernen gibt.

Erwachstum ist für die persönliche Lebensführung, was für das Erlernen einer Kampfsportart der schwarze Gürtel ist.
Erreicht man Erwachstum, ist man ein Experte darin geworden, man selbst zu sein.
Derart fortgeschrittene Erwachsende haben eine klare Vorstellung von
- ihrer Identität („Wer bin ich?“),
- ihren Grundwerten („Wofür stehe ich?“),
- ihren Prioritäten („Was ist mir wichtig?“) und
- ihren Grenzen („Was ist mir einen Konflikt wert?“).
Wie Kampfsport-Meister verfügen sie über verdientes, wohlbegründetes Selbstbewusstsein, sind sich aber auch im Klaren darüber, dass ihre Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Sie sind bereit und in der Lage dazu, Wissen und Fertigkeiten weiterzugeben und tun dies insbesondere in der Funktion als Eltern, Coaches oder Mentoren.
Sie haben ein umfangreiches Verständnis für ihre Stärken, Schwächen, Bedürfnisse und Anliegen entwickelt und eine Menge Erfahrung im Umgang damit gesammelt. Dadurch stellen sie sich auch völlig neuen Situationen mit einem hohen Maß an Souveränität und Gelassenheit. Kritik, Rückschläge, Niederlagen, Missgeschicke oder Momente des Scheiterns sind für sie willkommene Gelegenheiten zur Weiterentwicklung.
Im Gegensatz zum Erreichen eines Meistergrades in einer Kampfkunst wird wie Art von Expertise, die ich mit „Erwachstum“ meine, allerdings nicht markiert. Man legt keine Prüfung im Erwachsensein ab; es gibt keinen Katalog an Fertigkeiten, die man sich aneignen muss und keine Urkunde, die man sich einrahmen kann.
Im Gegenteil: Der Übergang zwischen dem, was ich mit „Erwachsen“ meine1 und meiner Vorstellung des „Erwachstums“ dürfte demjenigen, der ihn schafft, zunächst gänzlich verborgen bleiben.2
„Erwachsensein [ist] ein subversives Ideal, das nie vollkommen erreicht wird, nach dem zu streben sich aber umso mehr lohnt.“
—Susan Neiman („Warum Erwachsen Werden?“)
Erwachstum ist die auf Alltagsniveau abgesenkte Variante von vagen Konzepten wie Erleuchtung oder Weisheit – greifbar genug, um konkret darauf hinzuarbeiten, aber umfangreich genug, um Jahrzehnte der Selbstentwicklung zu motivieren.
Erwachstum verbindet Weisheit und Souveränität, Integrität und Resilienz, Achtsamkeit und Präsenz, Introspektion und Fehlerkultur, Ambiguitätstoleranz und Selbstbehauptung.
Erwachstum muss die vielen internen Widersprüche integrieren, die sich zwischen so vielen Lebensaspekten unweigerlich ergeben. Dabei ist es eher das äußerste Ende eines Spektrums, auf dem man sich bewegen kann, als ein klar zu definierendes Stadium.
Begrifflich schafft das Wort „Erwachstum“ genau den nötigen Spagat: Wie auch „Wachstum“ fühlt sich das Wort „Erwachstum“ ein Stück weit monolithisch und abgeschlossen an; gleichzeitig bezeichnet es einen Prozess der Weiterentwicklung.
Erwachstum ist ein Paradox: Das Ziel einer Reise, die kein Ende zu haben scheint.
Fußnoten
- Der langwierige und mühsame Prozess des bewussten, reflektierten und zielgerichteten Ausprägens bestimmter „erwachsener“ Qualitäten – in meiner Kampfkunst-Metapher das Durchlaufen der mit farbigen Gürteln hinterlegten Schülergrade
- Auch hier funktioniert die Kampfkunst-Metapher, denn ehrlicherweise verfügt ein Kampfkünstler unmittelbar vor und nach seiner erfolgreichen Schwarzgurtprüfung über exakt denselben Kenntnisstand.
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